GIF89a Die Strottern & JazzWerkstatt Wien – Elegant – JazzWerkstatt Wien

Die Strottern & JazzWerkstatt Wien – Elegant

Die Strottern & JazzWerkstatt Wien – Elegant

JWR 01/09
Elegant - Album Mix by JazzWerkstatt Wien

1. Wia manst du des? (Stirner/Satzinger)
2. Gemeiner Opal 3000 (Lendl/Wenger)
3. Eh-Musik (Lendl/Riegler)
4. Humanisten Gstanzln (Stirner/Rom)
5. Elegant (Ahorner/Satzinger)
6. Wean, du schlofst (Ahorner/Wenger)
7. Wia r e no quoat hob auf dii (Beinl/Satzinger)
8. Gstuabm (Slupetzky/Satzinger)
9. Nua ans (Lendl/Schiftner)
10. Personalienwalzer (Lendl/Wenger, Lendl)
11. Heut kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wien (F. Wunsch)

Klemens Lendl – voc, violin
David Müller – voc, guitar, musical saw
Martin Eberle – trumpet, fluegelhorn
Daniel Riegler – trombone
Clemens Salesny – alto saxophone, bassclarinet, clarinet
Wolfgang Schiftner – alto-, tenor saxophones, flute
Clemens Wenger – piano, keys, harmonium
Peter Rom – e-guitar
Bernd Satzinger – bass
Lukas König – drums, perc

Guests:
Stimmgewitter Augustin – choir (Track 8)
Bumpfi & The Jubilee Singers – choir (Track 10)

Recorded: March and April 2009
Recordable Studio, Stockerau (Werner Angerer)
Studio Seniorenstube, Klosterneuburg (David Müller)
Mix: Werner Angerer
Mastering: Horst Pfaffelmayer and Christoph Wimmer at Gold Chamber, Siegendorf
Artwork: Artur Bodenstein
Photos: Peter M. Mayr

Rainer Bratfisch, Jazz Podium, Juli/August 2009

Zugegen, die Frage „wie manst du des?“, im ersten Titel der CD gestellt, drängt sich beim Hören noch mehrmals auf, zum Beispiel bei den Titeln „gstuabn“ und „wia r e no quoat hob auf dii“. Wer des Weanerishen nicht mächtig ist, geht einer Vielzahl textlicher Ponten für verlustig, denn das Wienerlied-Duo Die Strottern geht nur selten sprachliche Kompromisse ein. Trotzdem: Die Symbiose von Gstanzln und wiener Liedern und Jazz wird auch nicht langweilig, wenn manche schwarzhumorigen Pointen des Wiener Schmäh nicht hunderprozentig verständlich werden. Große Kunst zeichnet auch aus, dass nicht alle Fragen definitiv veantwortet werden. Sicher, es „woin olle nua ans“. Aber was? Vielleicht liefert das Bild des Hochseetrawlers im Innencover, der da „Zufriedenheit“ heißt, die Auflösung? Die Kooperation zwischen den Strottern, die für die Wiederbelegung der Tradition des Wienerliedes stehen, und der ungen JazzWerkstatt Wien, die mittlerweile für Aufsehen sorgt und zahlreiche Nachahmer findet, wiest weniger in Richtung Zufriedenheit als in Richtung Innovation und Provokation, versehen mit einem deutlich präsenten Spaßfaktor.

Thomas Divis, oneworld.at

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Zarte Annäherungen an den Jazz gab es beim Wienerlied-Duo „Die Strottern“ bereits auf der letzten CD “I gabat ois“. Damals stand allerdings sehr klar noch ihr in den letzten Jahren herangereifter eigener Sound mit Gitarre, Violine und Gesang im Mittelpunkt. Wenn man nun erfährt, dass “Die Strottern“ gemeinsam mit der Jazzwerkstatt Wien gewerkt haben, dann kann man sich aber zuerst doch noch schlecht eine Vorstellung machen, wie das wohl klingen mag? Sobald aber die „Elegant“-CD endlich im Player ist erscheint alles so homogän, dass weitere Fragen über das Warum? obsolet erscheinen. Die verwendete Lyrik, die großteils recht schräg ist, findet hier eine nicht minder schräge musikalische Umsetzung, wobei Assoziationen zum Werk H. C. Artmanns nicht nur auftauchen, wenn in Liedern Briefe mit grüner Tinte geschrieben werden. Die musikalischen Ausführungen zu den Texten ist, selbst in den lauten Momenten, unaufdringlich, weil plausibel und logisch. Der einzige Ausreißer unter den 10 Liedern auf „Elegant“ ist „gstuabm“, das weder musikalisch noch textlich besonders einfallsreich ist. Damit bleiben freilich die 9 restlichen Lieder auf der schwarz-wiener grantelnden Sonnenseite, was soviel heißt wie: Wir empfehlen.

Wolfgang Kralicek, Falter 27/2009, 1.7.2009

I vasauf an Doppla Speiseöl, weu vom Wossa wiasd ned fett!“ — Wienerisch als restaurative Utopie betrachtet

Dass Wien Wien bliebe, stellt Karl Kraus zufolge eine gefährliche Drohung dar. Mittlerweile braucht man die Veränderungsresistenz nicht mehr zu fürchten: Wien ist längst eine moderne Großstadt, was angesichts der Flagshipisierung der Innenstadt aber auch kein Grund für ungetrübte Freude ist und die Frage aufwirft, ob das Bewahrende immer auch reaktionär sein muss. Anlass, diese beherzt zu verneinen, geben Kräfte wie Kollegium Kalksburg oder Die Strottern, deren Fortführung weniger des Wienerlieds als des Wienerischen selbst ein restauratives Moment innewohnt, das indes nicht reaktionär ist.
Wien wird hier weniger wiedergefunden, als wiedererfunden. Auf ihrem zu Recht „Elegant“ betitelten Album greifen Klemens Lendl und David Müller, vulgo Die Strottern – kongenial begleitet von acht Mannen der in kluger Zurückhaltung, aber effektiv agierenden Jazzwerkstatt –, auf ein Reservoir an Worten, Gesten und Attitüden des Wienerischen zurück, das in der Realität nur höchst selten noch angezapft wird. „Mahlzeit. Freundschaft. Haben schon gewählt?“ bedient sich das Eingangsstück eines Idioms, das akut vom Aussterben bedroht ist, um dieses („Steingut. Grillgut. Nur die Liebe zählt“) als Phrasenmüll vorzuführen, dem aber („Amtlich. Fristlos. Eigenheimbüro“) doch der Dreck des Realen anhaftet.
Darüber hinaus verfügt „Wia manst du des?“ (Text: Karl Stirner) auch noch über einen genial geschmeidigen Groove und einen Refrain, der sich in den Gehörgang schmiert: „Wie manst du des, du manst, / wia i des man? / I man jo nua, / hosz du vielleicht a Böözhaubm auf / oder is des dei Frisur?“
Dem formidablen, völkerverbindenden und friedliebenden Fett wird mehrfach Tribut gezollt: Weil man von Wasser nicht fett wird, greift man zum Speiseöl, und Schmalz dient als Unterlage einer äußerst zarten Begegnung, die Texter Peter Ahorner in „Wean, du schlofst“ quasi nach Steilvorlage von André Heller und Helmut Qualtinger („Wean, du bist a Taschenfeitl“) in Szene setzt: „Wean, du schlofst / wia r a Boimkazzal / auf an Grammeschmoizzbrod.“
Man sieht: In Wien steckt nicht nur Hinterfotz – und Bassenaboshaftigkeit, sondern auch unerwartete Sanftmut. Oder lebensbejahende Laschheit. In einem Interview (Falter 42/08) meinte Ruth Klüger, die berüchtigte Wiener Wurschtigkeit sei ihr eigentlich sympathisch, weil: „Man kann so, man kann auch anders, so wichtig ist es nicht, wird sich schon wieder geben.“ Ebendieser Mentalität sind die zur Menschheitsvernichtung befehligten himmlischen Heerscharen in Klemens Lendls wunderbarem Musikdramolett „Personalienwalzer“ verpflichtet. Die Engel lassen den Herrgott einfach einen guten Mann sein, denn: „De woin ned schdeam / und mia uns ned plogn / mia kenntn aa a Glasal vatrogn.“ Bliebe Wien das Wien, das es nie war, es wäre eine herrliche Verheißung. 

Manfred Horak, kulturwoche.at

Da haben sie sich fünf Jahre lang Zeit gelassen für ein neues Album, und dann veröffentlichen Die Strottern nur wenige Monate nach “I gabat ois” gleich noch einen Tonträger, diesmal gemeinsam mit der Jazzwerkstatt Wien. “Elegant” ist nicht nur der Titel der CD, sondern auch das zu Gehör gebrachte.
So oft ich das Album auch höre (und ich höre es oft, sehr oft), so oft erinnere ich mich dabei an ein Zitat von Peter Paul Skrepek, der über die Veröffentlichung der DVD Falco Symphonic anmerkte, dass dies ein Beispiel sei, “was hierzulande möglich ist, wenn alle können wollen dürfen.” Das trifft geradewegs auch auf das Album “Elegant” zu, denn hier können wollen dürfen sich zehn Lieder im Wiener Jazz-Dialekt bisweilen in ungeahnte Höhen schrauben, dass es nur so eine Freude ist. Diese hier praktizierte Selbstverständlichkeit hebt die Kunst der Wiener Ästhetik auf eine neue Qualitätsebene (möglicherweise bringt es auch eine neue Qualität in Sachen Wahrnehmung).

“i bin sea stoiz / hip hip hurra / ein hoch den jungen künsdlan”

Man ist ja geneigt diesbezüglich nur in Superlativen zu schreiben, alleine weil jedes der zehn Lieder eine Größe besitzt, die ohne Größenwahn auskommt und dennoch klarstellt wer in der hiesigen Musikszene alles und jeden an die Wand zu spielen imstande ist. Neben den Strottern Klemens Lendl (Gesang, Violine) und David Müller (Gesang, Gitarre, Singende Säge) setzen sich acht Musiker aus der Jazzwerkstatt Wien in Szene, nämlich Martin Eberle (Trompete, Flügelhorn), Daniel Riegler (Posaune), Clemens Salesny (Altsaxofon, Bassklarinette, Klarinette), Wolfgang Schiftner (Alt- und Tenorsaxofon, Flöte, Bassklarinette), Clemens Wenger (Klavier, Keyboards, Harmonium), Peter Rom (E-Gitarre), Bernd Satzinger (Kontrabass) und Lukas König (Schlagzeug, Perkussion).
Wie man an dieser Besetzung und an der Instrumentenkombination bereits erahnen kann ist musikalisch sehr viel möglich und sehr viel wird auch ausgeschöpft – der elektrifizierte Blues kommt genauso zur Geltung (“humanisten gstanzln”) wie der ¾-Takt (“personalienwalzer”), Soul-Rock-Glamour (“elegant”), ästhetisierte Nacht-Weise (“wean, du schlofst”), Rock-Hymne (“gstuabm”) und noch viel mehr – all das freilich immer mit der Option auf das Wienerlied und auf Jazz in all seinen Dimensionen.

“med ana grinan dintn / schick e da r zruck wos deins is”

Und dann noch das gesungene Wort. Karl Stirner, Klemens Lendl, Peter Ahorner, Christiane Beinl und Stefan Slupetzky sind die Text-Lieferanten. Anleihen bzw. Hommagen sind auch hier zu finden, z.B. jene an H.C. Artmann in “wia r e no quoat hob auf dii” von Beinl, die schwarze gegen die grüne Tinte austauschend, “weu menschn ned schwoazz wean / kennan / vua lauda woatn / nua de dintn / med dera wos s schreim”. Ganz stark der Lendl-Text “personalienwalzer” am Ende des Albums, der sich musikalisch im Wienerlied-Schmalz-Klassiker “Heut kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wien” von Ferry Wunsch, hier allerdings in sehr freier Form, auflöst. “Es ist nicht gut bestellt / um meine schöne Welt”, heißt es am Anfang des Liedes. Und so klingt dann eben auch das Ende. Sehr nachhaltig. Ebenfalls eine Klasse für sich die Slupetzky-Vertonung “gstuabm” mit dem Stimmgewitter Augustin als Chor. Behauptung: Das Lied knüpft in originärer und origineller Weise gewissermaßen an die Glanzzeit von Drahdiwaberl an, als noch Franz Bilik mit dabei war (“Psychoterror”, McRonalds Massaker). Masterpiece. Höhepunkte ohne Ende also, so auch z.B. der schwere Blues von Peter Rom im “humanisten gstanzln”. Den Text gestanzt hat Karl Stirner. 10 Strophen statt 10 Gebote: “am sonntag a schnitzerl / im winter a haubm / an gsundn instinkt / statt an windign glaubm.” Nicht zu vergessen das Titellied. Auch hier sind Musik (von Bernd Satzinger) und Text (von Peter Ahorner) auf Augenhöhe: “es glauben manche leute / dass was bessers san als mir / für die ghörn wir zur meute / uns jagt man höchstens vor die tür”, heißt es, und: “elegant, elegant samma söba / und sekkant und sekkant sowieso”. Klassikaner.

Wien Live

strottern goes jazz.

Die Strottern – das sind Klemensl Lendl und David Müller – arbeiten weiter an der Neudefinition des Wienerlieds. Nach der grandiosen CD “i gabat ois” folgt jetzt die kongeniale Zusammenarbeit mit der JazzWerkstatt Wien namens “Elegant”. Ein Album zur richtigen Zeit, in vielen Liedern geht es um Existenzangst. Motto: “Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben”. Und es geht um die Tendenz unserer Zeit, überall Sicherheitspolster einzubauen und – wenn nur irgendwie möglich – alles was Spaß macht zu verbieten. Trefflich formuliert etwa in dem von Krimiautor Stefan Slupetzky geschriebenen Song “gstuabm”: Nua ka Hetz, nua ka Freid/ Freid is teia und kost Zeit. / Ewich lebm, Göd ausgebm, / nach den woar’n Wertn strebm, / Flochbüdschiam und Be-Em-Weh, / Zukumpft, du wiast wundaschee!”
Boshaft schöne Texte schrieben auch Christiane Beindl, Peter Ahorner, Karl Stirner und Klemens Lendl. Die Musik haben die Jazzwerkstätter Bernd Satzinger, Clemens Wenger, Daniel Riegler, Peter Rom und Wolfgang Schiftner sowie auch die Strottern gebastelt. Das Ergebnis ist eine außergewöhnliche CD, die sowohl durch die sehr abwechslungsreiche und spannende Musik als auch durch die wirklich inspirierenden Texte wirkt.

Michael Huber, Jazzzeit Nr. 78, Mai/Juni 2009

Die Strottern und Jazzwerkstatt Wien: Die Wiener Stadtmusikanten

Die Strottern erweitern ihre zeitgemäße Form des Wienerlieds mit frischem Input aus der Jazzwerkstatt Wien. In diesem musikalischen Gemenge zeigen sich unerwartete Berührungspunkte zwischen Volksmusik und Jazz-Tradition.

„Warum soll ich den Stephansdom besingen?“ sagt Klemens Lendl. „Der Stephansdom steht eh da. Ich geh ihn anschauen, wenn ich was von ihm will.“ Wenn das Wienerlied sich durch bloße Selbstbespiegelung definiert und das nostalgische Bedauern einer guaten, alten Zeit über alles stellt, dann will der Geiger und Sänger des Duos „Die Strottern“ kein Wienerliedkünstler sein. Aber er ist es doch, auf seine ganz eigene Weise. Und aus dem Zugang, den er mit seinem Partner David Müller über die Jahre erarbeitet hat, lässt sich vielleicht mehr über das Wesen des Wienerlieds lernen als von manchem Traditionsverein.
Lendl und Müller sind Wienerliedsänger ohne Berührungsängste: Seit die beiden sich nach diversen gemeinsamen Pop-Projekten und einer „Fake-Pseudo-Jazz-Band“ (Lendl) dazu entschlossen, auf Mundart eigene Stücke zu dichten, waren sie immer wieder für Kollaborationen offen. Ihr neuestes Projekt, die CD „Elegant“, führt sie mit Musikern aus dem Zirkel der Wiener Jazzwerkstatt zusammen: Mit Rhythm-Section, Bläsern, E-Gitarre und Piano entsteht ein neuer Sound, bei dem sich alle Beteiligten ein Stück weit von ihrem angestammten Terrain entfernen, ohne aber ihre eigene Handschrift zu verlieren. Die Musiker, die sonst im intimen Duo-Rahmen agieren, finden sich im Umfeld einer kleinen Bigband wieder, die ihrerseits aber gern einmal in Richtung Rock und Blues ausbricht.
Wie bei vielen Kollaborationen ergab sich auch die Achse zwischen Jazzwerkstatt und Strottern durch persönliche Bekanntschaften: Müller und Lendl schauten immer wieder bei Jazzwerkstatt-Veranstaltungen vorbei, Lendl und Werkstatt-Bassist Bernd Satzinger organisierten 2007 gemeinsam einen Charlie-Haden-Tribute. Beim Festival „Wean Hean“ 2008 kam es dann zum ersten großen gemeinsamen Auftritt.
Die scheinbar mühelose Anschlussfähigkeit der Saxofone an die lockeren Geigenmelodien, der raunzenden Texte an die röhrenden Gitarren ist aber nicht allein der Offenheit und Experimentierfreude der Beteiligten geschuldet. Es sei schon auch etwas im Wesen der Musik, das das Zusammenspiel erleichtere, erklärt Lendl.
„Ich kenne keine andere Musik, in der man solche Vielfalt überliefert findet“, sagt der Geiger, der von seinem Vater strenge Klassik-Tradition mit auf den Weg bekam. „Ich denke mir oft: Wie froh bin ich, dass ich das Wienerlied habe, sozusagen als Ursuppe, in die ich hineingreifen kann.“
Die Zutaten der „Suppe“ kommen direkt aus der Geschichte Wiens: Jodler und Volksweisen fahrender Tiroler Sänger lassen sich im Wienerlied finden, der Witz jüdischer Textdichter, ebenso Traditionen der osteuropäischer Musiker, die sich in der einstigen Hauptstadt des Habsburger-Vielvölkerstaates ansiedelten.
„Vieles im Wienerlied ist auch der Jazzharmonik ähnlich“, sagt Bernd Satzinger, der vier Stücke des Albums auf Basis von Lendls Texten komponierte. „Es gibt viele chromatische Rückungen, viele Akkordwendungen sind vergleichbar. Es ist kein Zufall, dass Jazzer immer wieder gern den Bogen geschlagen haben.“ Schon das Wiener Jazz-Urgestein Fatty George improvisierte zum Wienerlied, und Karl Hodina, der ab den 1970ern maßgeblich an der Wiederentdeckung des Repertoires mitwirkte, war eigentlich Jazzmusiker.
„Ich assoziiere mit dem Wienerlied auch Sachen wie ‚Come Sunday’ oder ‚Mood Indigo’ von Duke Ellington, oder Stücke von Charles Mingus“, sagt Bassist Satzinger. „Auf dieser bluesigen, sanften Seite treffen sich die beiden Musikrichtungen bestimmt.“
Satzinger, der Gitarrist Peter Rom, der Pianist Clemens Wenger, der Posaunist Daniel Riegler und der Saxofonist Wolfgang Schiftner nahmen sich zunächst für den „Wean Hean“-Gig der Strottern-Texte an, für die CD wurden einige Titel weiterentwickelt. Teilweise lehnen sich die Kompositionen an das traditionell „verhatschte“, raunende Wiener Idiom an, manchmal widersprechen sie dem Klischee mit Rock-Rhythmen und schnellen Tempi vehement. Nicht nur das musikalische Vokabular, auch die Strottern-Texte boten genügend Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit. „Bei den Themen merkst du, dass das Wienerlied aus einem Schmelztiegel, einer echten Großstadt stammt“, sagt Lendl. „Die Texte erzählen etwas von Wien, sie zeigen viele Schichten, durch die du die Stadt kennen lernst und letztlich auch erfährst, wo du herkommst.“
In gewisser Hinsicht teilt das Wienerlied ein Schicksal des Jazz: Beide Genres entstanden als urbane Musikstile, als Ausdruck der Vielfalt einer Metropole, und wurden erst nach und nach von „Puristen“ zu einer reinen Lehre verdichtet. Im Wienerlied wie im Jazz gibt es Orthodoxe, die lieber auf die Geschichte zurückschauen, statt sich neugierig in der Gegenwart umzusehen. Die Musiker der Jazzwerkstatt, wiewohl auch im Standard-Jazzrepertoire geschult, haben sich von derlei Retro-Purismus seit jeher distanziert. Auch bei ihnen ist Jazz eine urbane Musik, die sich durch das Aufeinandertreffen von verschiedenen Menschen und ihrer Geschichten definiert.
Die Kollaboration der Strottern und der Jazzwerkstatt lässt sich also als eine natürliche Reaktion auf das urbane Leben begreifen, als Verarbeitung von Großstadt-Situationen und Beobachtungen. Es geht eben nicht um den Stephansdom oder den Grinzinger Wein, sondern um die Menschen in den Straßen, Gasthäusern – oder den Schicki-Micki-Tempeln. „Es glauben manche Leute dass’ was bessers san wie wir“, heißt es im Titeltrack „Elegant“, einer bissigen Tirade auf selbsternannte Eliten in Wien und anderswo. Von hier ließe sich eine gerade Linie zur Jazz-Tradition konstruieren, in der sich zunächst afroamerikanische Musiker im Schatten der etablierten Eliten ihren eigenen Stolz und Stil zimmerten, mit einer Attitüde, die man heute als Hipness und Coolness kennt. „Elegant, elegant samma söba“, singt Lendl heute. Wäre Duke Ellington ein Wiener gewesen, er hätte vielleicht ähnliches von sich gegeben.

Samir H. Köck, Die Presse – Schaufenster, 15.05. 2009

Strotternjazz. Das Duo Strottern, das sich mit Wiederliedern einen Namen gemacht hat, wagt sich ins Gewirr von neutönenden Jazz.

Das formidable Duo Die Strottern, das sich mit ebenso beseelten wie gefährlichen Wienerliedern einen Namen gemacht hat, begab sich für „Elegant“ ins Gewirr eines neutönenden Jazz. Clemens Lendls mal hintersinnige, dann wieder hinterfotzige Stimme passt sich diesen neuen Gegebenheiten sehr gut an.

Ob im melancholischen „Gemeiner Opal 3000“ oder im aggressiv-surrealen Opener „Wie Manst Du Des?“. Die Texte stammen von Könnern wie Peter Ahorner, Karl Stirner und von Lendl selbst. Die ordentliche Portion dunkelbunten Humors in den Texten wird von der exzentrischen Musik der Jazzwerkstatt Wien souverän gedoppelt. Der Evergreen „Heut kommen d’ Engerln auf Urlaub nach Wien“ blitzt in einem trunkenen Medley mit Lendls „Personalienwalzer“ überraschend grell auf. Sehr schön auch das scharfe „Gstuabm“, ein zu einer bissigen Orgel vorgetragener Rap zum Gesundheitsaposteltum unserer Tage.

Michael Huber, Kurier, 28.04. 2009

Frischluft für einen gefährdeten alten Herrn

“Das Wienerlied ist keine Musikrichtung”, sagt Klemens Lendl. “Es ist total personalisiert, und es heißt immer: Das Wienerlied wird bald untergehen. Da stell’ ich mir dann immer einen alten Herrn vor, der gleich tot umfällt.” Die Lieder, mit denen Lendl, der Geiger und Sänger der Strottern [FW#39], und sein Partner David Müller (Gesang, Gitarre) bekannt wurden, sind keine Wiederbelebungsmaßnahmen für den armen Greis. Und doch sorgen die kabarettistischen, schräg arrangierten Stücke für Frischluftzufuhr in einem Genre, das von seinen “Bewahrern” gern unter den Glassturz gestellt wird. Für ihre neue CD “Elegant” haben sich die Strottern mit Musikern aus der Jazzwerkstatt zusammengetan, der zentralen Plattform der jungen Wiener Improvisations-Szene. Mit Saxofon, Trompete, E-Gitarre, Piano und Bass gewinnen die teils gemütlich-hatscherten, teils flott-beschwingten Stücke an Energie und Dynamik, die Jazzer fügen mit erweiterten Harmonien und Geräuschen neue Facetten zum Sound hinzu, ohne sich vor Lendls bissige Texte zu stellen. “Es sind Texte, die vom Hier und Jetzt handeln und nicht von irgendwann”, sagt Lendl, der sich bis heute standhaft weigert, Verse über Wein oder eine vermeintlich “guade oide Zeit” zu dichten. “Oft kommen junge Leute nach Konzerten zu uns und sagen: Wow, so kann Wienerlied sein? Sehnsucht nach ‘ihrer’ Musik haben die alle.” In “Elegant”, dem Titelsong des Albums, macht sich Lendl nun über selbst ernannte Society-Eliten her, in “Wean, du schlofst” gelingt ihm eine völlig unkitschige Ode an die Stadt. Der Bigband-Sound, den die Jazzmusiker dazu zustande bringen, verdeutlicht ein Stück weit auch das Wesen der Stadt: Viel Unterschiedliches trifft da zusammen, es gibt Reibungen, und doch fügt sich alles zu einem Ganzen. “Du merkst, dass das Wienerlied Musik aus einer echten Großstadt ist”, sagt Lendl. Erst Provinzialität bedeutet den Tod des alten Herrn.

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